Den Ruhestand fürs Gemeinwohl nutzen

Zukunftswerkstatt Kleve

Kleve Wenn Theo Brauer am 20. Oktober 2015 sein Erwerbsleben beendet, freut sich der Klever Bürgermeister vor allem auf mehr Zeit mit der Familie. „Ich würde dann auch gern wieder öfter Tennis spielen und Motorrad fahren“, sagt er. Dass er dafür auch in gut zwei Jahren nicht viel mehr Zeit haben wird, dämmerte ihm wahrscheinlich ziemlich schnell bei der jüngsten Zukunftswerkstatt der  Rheinischen Post und der Volksbank Kleverland. „Unruhestand im Ruhestand“ war das Thema und fünf Ruheständler, die allesamt in ihrem Erwerbsleben in führenden Positionen gearbeitet hatten, erzählten, wie sie ihren Ruhestand gestalten und erleben.

Nachdem Hans-Jürgen Zacharias im Jahr 1994 als Polizeidirektor des Kreises Kleve in den Ruhestand gegangen war, reiste er als Sportfunktionär durch die ganze Welt. Er war unter anderem Vize-Präsident des Deutschen Turnerverbandes und Präsident des internationalen Turnerbundes, hat die Olympischen Spiele in Sydney aktiv mitgestaltet. „Das war toll, das hat mich ausgefüllt“, sagt Zacharias, der sich auch schon während seiner Dienstzeit ehrenamtlich im Sport engagierte.

Die Leidenschaft für die Medizin endete auch bei Professor Dr. Detlef-Karl Lindecken nicht an dem Tag, als er den Arztkittel an den Nagel hängte. 20 Jahre lang war er Chefarzt der Chirurgie und Unfallchirurgie am Wilhelm-Anton-Hospital in Goch. Nach dem Ende seiner Dienstzeit im Krankenhaus arbeitete Lindecken drei Jahre als Konsiliararzt. Die Ursache für seinen heutigen „Unruhestand“: Der Mediziner engagiert sich in der Ausbildung des Nachwuchses. Lindecken ist Professor an der Ruhr-Uni Bochum und Lehrbeauftragter der Akademischen Hochschule Berlin an der Bildungsakademie für Gesundheitsberufe der Katholischen Kliniken im Kreis Kleve (KKiKK). „Das ist eine Ausbildungsstätte für Erwachsenen- und Kinderkrankenpflege“, so Lindecken. „Ziel ist die Akademisierung der Pflegeberufe.“ 150 junge Menschen können dort neben ihrer Ausbildung in den katholischen Kliniken des Kreises ihren Bachelor in „Nursing“ machen. „Es macht mir großes Vergnügen, meine Erfahrungen an junge Menschen weiterzugeben“, sagt er.

Dr. Ulf Hientzsch ist froh, „dass ich nicht nur Gartenpflege mache“, wie er sagt. „Sonst hätte ich jetzt wohl eine Obstplantage“, sagt der Amtsgerichtsdirektor a.D. Hientzsch macht Vertretungen für drei Notare und engagiert sich seit Jahren im Freundeskreis Museum Kurhaus und Koekkoek-Haus. „Gemeinschaft lebt nicht nur von dem, was offizielle Stellen tun, Initiative muss auch von den Bürgern kommen“, sagt er. Da Berufstätigen dafür oft die Zeit fehle, sollten sich Ruheständler engagieren, findet er.

„Jetzt bin ich schon acht Jahre im Ruhestand und habe es noch gar nicht gemerkt“, sagt Jörg Cosar. Deshalb hat sich der  stellvertretende Fraktionsvorsitzende der CDU in Kleve auch vorgenommen, in den nächsten Jahren seine Tätigkeiten etwas mehr zu reduzieren. „Ich habe mit meiner Frau schon mal überlegt, vier Wochen Urlaub zu machen, aber das schaffe ich gar nicht“, sagt er. Aber auch Cosar engagiert sich aus Überzeugung. „Ich habe bei der Bundeswehr Organisation und Führung gelernt, die Erfahrung kann ich nutzen“, sagt er.

Auch Hans Geurts hat den Übergang vom Beruf in den Ruhestand im Jahr 2004 gar nicht richtig gemerkt. „Ich bin vom engagierten Politiker nicht ganz los gekommen“, sagt Geurts, der 17 Jahre lang Bürgermeister der Gemeinde Bedburg-Hau war. „Die Ärzte haben mich aber auch gewarnt, ich müsse weiterhin etwas tun, sonst sei ich in zwei Jahren tot“, sagt er. Heute ist er unter anderem Aufsichtsratsvorsitzender der Volksbank Kleverland und Vorsitzender des Fördervereins Museum Schloss Moyland. „Ich finde meine Tätigkeit heute befriedigender“, sagt er.

Sorgen machen sich alle Diskussionsteilnehmer um die Zukunft. „Es ist die Frage, ob die zukünftige Generation das weiterführt, was wir angefangen haben“, sagt Hientzsch. Er schlägt ein regelmäßiges Treffen von Ruheständlern vor, die sich darüber austauschen können, wo es brennt, wo man zusammen arbeiten und wo neue Ehrenamtliche rekrutiert werden können.

Die Zukunft von Theo Brauer hat Hans Geurts dagegen schon ausgemalt: „Theo wird drei Monate Pause machen und dann auswählen, was auf den Tisch kommt.“